Reallöhne steigen erneut - "Bild könnte sich bald wenden"
Trotz der zuletzt sprunghaft gestiegenen Inflation infolge des Iran-Kriegs sind die Reallöhne der deutschen Arbeitnehmer im ersten Quartal merklich gestiegen. Die Bruttomonatslöhne einschließlich Sonderzahlungen wuchsen von Januar bis März um durchschnittlich 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Wird der Anstieg der Verbraucherpreise von rund 2,2 Prozent abgezogen, bleibt davon ein Reallohnzuwachs von etwa 1,8 Prozent übrig. Im Vorquartal fiel er mit 1,9 Prozent ähnlich hoch aus.
Damit setzte sich der seit rund drei Jahren währende Aufwärtstrend fort, nachdem es insbesondere 2022 wegen der hohen Inflation infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine einen starken Einbruch der Reallöhne gegeben hatte. „Doch das Bild könnte sich schon bald wenden“, warnte der Entgeltexperte aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, Malte Lübker. „Falls die Inflation im Zuge des Iran-Kriegs das Lohnwachstum überholt, sinkt die Kaufkraft der Beschäftigten wieder.“ Hohe Kraftstoffpreise als Folge des seit Ende Februar währenden Iran-Kriegs haben die Inflation im April auf 2,9 Prozent getrieben – den höchsten Stand seit Anfang 2024. Vor Kriegsbeginn lag sie im Februar nur bei 1,9 Prozent, während sie im März bereits 2,7 Prozent erreichte.
Wichtig für die Konjunktur
Diese Tendenz dürfte sich dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge auch im Mai und Juni fortsetzen – trotz des Tankrabatts, der aber nur einen Teil des kriegsbedingten Anstiegs der Preise für Diesel und Benzin ausgleicht. Zwar bewege sich die Teuerung bei Sprit und Heizöl in einer ähnlichen Größenordnung wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs 2022, allerdings seien Erdgas und Strom weitaus weniger betroffen. „Im Ergebnis wird die Kaufkraft der Arbeitnehmer – anders als damals – voraussichtlich nicht sinken, sondern nur weniger stark steigen“, sagte IfW-Experte Dominik Groll.
Reale Lohnzuwächse könnten die Konjunktur stabilisieren. Da die Exporte wegen der zunehmenden Konkurrenz durch China und hohe US-Zölle unter Druck stehen, wären Impulse durch den privaten Konsum umso wichtiger. „Voraussetzung dafür ist wiederum eine positive Kaufkraftentwicklung“, sagte WSI-Experte Lübker.
Große Unterschiede zwischen den Branchen
Überdurchschnittliche Steigerungen der Bruttolöhne meldeten die Statistiker im ersten Quartal für die Bereiche Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden (+6,9 Prozent), Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (+6,5 Prozent) und Energieversorgung (+5,9 Prozent). Dagegen fiel der Zuwachs in den Bereichen Erziehung und Unterricht (+3,5 Prozent), Baugewerbe (+2,9 Prozent) und Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung (+0,1 Prozent) vergleichsweise gering aus.
Geringverdienende kamen auf einen überdurchschnittlichen Lohngewinn. Das Fünftel mit den geringsten Verdiensten kam auf ein durchschnittliches Plus von 7,0 Prozent. Für das oberste Fünftel fiel der Nominallohnanstieg mit 3,5 Prozent halb so stark aus.