Beharrlichkeit und Erfahrung von UniCredit-Chef zermürben Bundesregierung
Im zwei Jahre währenden Übernahmekampf um die Commerzbank hat die Hartnäckigkeit von UniCredit-Chef Andrea Orcel die Bundesregierung offenbar mürbe gemacht. Der Italiener, der immer wieder auf ein Treffen mit der Bundesregierung gedrungen hatte, erhielt am Mittwoch eine Einladung von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Diesem Schritt – einer Kehrtwende der Regierung – ging ein langes Ringen voraus, in dem der 63-jährige Orcel beharrlich und ungeduldig wirkte, die deutsche Seite eher zögerlich. Nun ist der erfahrene Investmentbanker kurz vor dem Ziel: Er will mit der Übernahme des Frankfurter Rivalen eine große europäische Bank schmieden.
Monatelang ließ Orcel einem Insider zufolge seine Mitarbeiter in Berlin anklopfen, um einen Termin auf Ministerebene zu bekommen. Er wandte sich mit einem später durchgesickerten Brief sogar direkt an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und startete eine Werbekampagne gegen die Commerzbank, die von der Frankfurter Finanzaufsicht BaFin gestoppt wurde. Als der erfahrene Dealmaker im August erfuhr, dass ein Treffen mit Klingbeil möglich sei, wartete er nicht auf die formelle Einladung, wie der Vertraute berichtete. Orcel schrieb dem Finanzminister am Montag direkt eine E-Mail, um erneut Druck zu machen. Innerhalb von 48 Stunden kam die Einladung nach Berlin. Nun kann Orcel im persönlichen Gespräch den Widerstand aus Berlin angehen.
Für die Bundesregierung war der Kampf um die Selbstständigkeit der Commerzbank nur eine von vielen Baustellen. Die wirtschaftliche Stagnation, eine schrumpfende Industrie und die starke Konkurrenz aus China belasten das Land. Hinzu kommen die Handelsspannungen mit den USA unter Präsident Donald Trump. Die durch den russischen Angriff auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise und die massiv gestiegenen Verteidigungsausgaben schränkten den Handlungsspielraum der schwarz-roten Koalition zusätzlich ein. Der Versuch, den Aufstieg der AfD zu stoppen, bindet ebenfalls Ressourcen, die für eine wirksame Abwehrstrategie gegen Orcels Vorstoß fehlten, so Kenner der Bankenbranche. Insider sagten Reuters zuletzt, der Regierung hätten Geschlossenheit, das nötige Geld und auch rechtliche Mittel gefehlt, um den Deal erfolgreich bekämpfen zu können.
Die MIttelstandsbank
Für die deutsche Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Die Commerzbank gilt als einer der wichtigsten Finanzierer des Mittelstands. Mit mehr als 25.000 Firmenkunden und der Abwicklung von fast einem Drittel des deutschen Außenhandels ist sie ein zentraler Pfeiler.
Die staatliche Beteiligung an der Bank von aktuell noch gut zwölf Prozent ist ein Überbleibsel der Rettung während der globalen Finanzkrise vor fast 20 Jahren. Zeit also, um sich langsam zurückzuziehen. Doch die Regierung in Berlin wollte keine feindliche Übernahme zulassen, empfand Orcels Vorgehen als aggressiv und intransparent. Deswegen wurden bisher persönliche Kontakte gemieden.
Begonnen hatte der Übernahmekampf mit einem missglückten Verkauf eines Teils der staatlichen Beteiligung im September 2024, damals noch unter FDP-Finanzminister Christian Lindner. In der von der Finanzagentur des Bundes organisierten Auktion erwarb die Unicredit rund 4,5 Prozent an der Commerzbank und bekam so einen Fuß in die Tür. Seitdem haben die Mailänder ihren Anteil am Markt immer weiter ausgebaut – auf aktuell fast 50 Prozent der Commerzbank-Aktien. Ein Zusammenschluss würde eine Bank mit einer Bilanzsumme von mehr als 1,3 Billionen Euro schaffen. Ein solches grenzüberschreitendes Geschäft wird von der Europäischen Zentralbank (EZB) seit langem befürwortet. Denn die europäischen Banken sind wesentlich kleiner als ihre US-Wettbewerber.
Pikant bei dem Deal: Jahrelang hatten deutsche Ökonomen und Politiker Italien Ratschläge zur besseren Haushaltsführung erteilt. Nun ist es ein italienischer Banker, der die Schwächen des deutschen Modells ausnutzt. Während Gespräche über einen Zusammenschluss erst beginnen, scheinen die Anleger dem möglichen Geschäft etwas abgewinnen zu können: Die Aktien der Commerzbank haben sich in den zwei Jahren des Heranpirschens mehr als verdreifacht, die der UniCredit mehr als verdoppelt. Beide Institute entwickelten sich damit deutlich besser als der Gesamtmarkt.