„Führung bedeutet Perspektive und Orientierung geben“
Führung entscheidet heute mehr denn je über den Erfolg von Unternehmen. Dabei stehen Verantwortliche vor völlig neuen Herausforderungen. Im Gespräch mit der BI erklärt DZ-Bank-Chef Dr. Cornelius Riese, was gute Führung ausmacht, wie ein guter „Talentmagnet“ agiert und weshalb Optimismus eine Kernkompetenz moderner Führung sein sollte.
BI// Herr Riese, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Führung. Warum interessiert Sie dieses Thema so sehr?
Riese// Führung ist für mich gleichermaßen Alltag und Faszination. Genau diese Kombination macht das Thema so spannend für mich. Auf der einen Seite ist Führung etwas zutiefst Individuelles: Menschen entscheiden sich häufig wegen einzelner Führungskräfte für ein Unternehmen – und sie verlassen es auch wieder wegen ihnen. Führung hat damit etwas sehr Persönliches. Auf der anderen Seite wird Führung in großen Organisationen schnell zu einer institutionellen Frage. Wenn wir allein die DZ Bank AG betrachten, sprechen wir über rund 600 Führungskräfte. Dann geht es eben nicht mehr nur um einzelne Persönlichkeiten, sondern um die Frage: Wie gelingt es, dass diese Vielzahl an Führungskräften gemeinsam eine klare Richtung vorgibt und das Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber positioniert? Genau dieses Spannungsfeld zwischen individueller Wirkung und institutioneller Verantwortung finde ich faszinierend.
BI// Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren grundlegend an den Anforderungen an Führungskräfte verändert – insbesondere in der Finanzbranche?
Riese// Die Anforderungen sind deutlich gestiegen. Das wurde schon vor einigen Jahren spürbar, hat sich aber durch die Entwicklungen der jüngsten Zeit noch einmal massiv beschleunigt. Neue Arbeitsformen, etwa mobiles Arbeiten, haben die Führungsrealität grundlegend verändert. Während früher eher eine hierarchischere Kultur der klaren Vorgaben bestand, müssen Führungskräfte heute viel stärker selbst gestalten. Sie können Verantwortung nicht mehr einfach nach oben delegieren, sondern müssen gemeinsam mit ihren Teams Lösungen entwickeln. Dazu kommt ein zweiter wesentlicher Aspekt: Die klassische Autorität über Fachwissen wird zunehmend relativiert – auch durch technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz. Führung wird deshalb stärker über Haltung, Orientierung und Kommunikation definiert. Das macht die Rolle anspruchsvoller als früher.
BI// Sie beschreiben Führungskräfte als „Talentmagneten“. Was macht einen solchen Magneten konkret aus?
Riese// Ein Talentmagnet zeichnet sich aus meiner Sicht durch zwei Dinge aus: Er zieht Menschen an und er bindet sie langfristig. Beim ersten Aspekt, der Anziehung, geht es zunächst darum, sichtbar zu sein. Führungskräfte müssen in relevanten Netzwerken, Fachcommunities oder Universitäten präsent sein. Es reicht nicht aus, darauf zu warten, dass Bewerbungen eingehen. Wer Talente gewinnen will, muss selbst aktiv werden und als Persönlichkeit wahrgenommen werden. Das Thema Bindung ist sogar noch anspruchsvoller: Hier geht es darum, sein Team wirklich gut zu kennen, unterschiedliche Bedürfnisse zu verstehen und situativ zu führen. Gute Führungskräfte erkennen frühzeitig, wenn jemand innerlich auf dem Weg zur Kündigung ist – idealerweise sogar, bevor es die Person selbst klar formuliert. Und selbst wenn jemand das Unternehmen verlässt, endet Führung nicht automatisch. Wer Beziehungen auch darüber hinaus pflegt, schafft eine Verbindung zwischen Bindung und späterer Wiedergewinnung. Das ist strategische Führung im besten Sinne.
BI// Wo erleben Sie heutzutage die größten Defizite in der Führungspraxis?
Riese// Erstens liegt ein grundlegendes Defizit darin, dass viele Organisationen Arbeitgeberattraktivität zwar als Ziel formulieren, aber nicht konsequent und systematisch daran arbeiten. Das Thema muss gelebter Teil der Strategie sein. Oder aber die Aufgabe wird einfach an die Personalabteilung delegiert, die sich dann darum zu kümmern hat. Das funktioniert nicht. Erfolgreiche Organisationen verankern derlei Themen im Zentrum ihrer Steuerung. Das bedeutet konkret: Sie beschäftigen sich regelmäßig und verbindlich damit – in Strategieprozessen, in Planungssitzungen und im Top-Management. Führung wird damit zur Chefsache.
Zweitens steht die Qualifikation von Führungskräften selbst im Fokus. Fachliche Kompetenzen werden strukturiert aufgebaut, Führungskompetenzen hingegen häufig eher nebenbei herausgebildet. Viele entwickeln ihren Führungsstil autodidaktisch. Irgendwann ist man dann davon überzeugt, eine richtig gute Führungskraft zu sein. Meiner Meinung nach gehört es jedoch unbedingt dazu, sich immer wieder kritisch zu hinterfragen. Das ist einerseits eine persönliche Aufgabe, andererseits aber ebenso Aufgabe des Unternehmens.
Drittens muss Führung heute in hohem Maße Entscheidungen erklären und Sinn vermitteln. Der Ansatz ‚Wir machen das, weil ich es sage‘ ist ohne Frage nicht mehr zeitgemäß. Und dies gilt im Übrigen nicht nur für jüngere Generationen, auch wenn das häufig so dargestellt wird. Sinnorientierung ist ein viel breiteres Thema und betrifft alle Arbeitskräfte – ob nun jung oder alt.
BI// Apropos Alter. Wie kann es gelingen, sowohl junge Talente anzusprechen als auch erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig zu binden?
Riese// Indem man bewusst vermeidet, Gruppen gegeneinander auszuspielen. Viele Organisationen setzen stark auf Nachwuchsförderung. Das ist grundsätzlich natürlich richtig und sinnvoll. Gleichzeitig kann durch eine zu starke Fokussierung auf jüngere Menschen manchmal bei erfahrenen Mitarbeitern der Eindruck entstehen, weniger im Fokus des Unternehmens zu stehen. Hier spielt Kommunikation eine zentrale Rolle. Sie muss alle Zielgruppen im Blick behalten und darf keine impliziten Signale der Priorisierung senden. Darüber hinaus finde ich verbindende Formate wertvoll. Beispielhaft möchte ich Instrumente wie Generationendialoge oder Reverse Mentoring nennen. Solche Ansätze fördern gegenseitiges Verständnis und nutzen die Stärken verschiedener Erfahrungslevels. Führung bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, das Gemeinsame zu betonen und Unterschiede konstruktiv zu nutzen.
BI// Viele gesellschaftliche Themen – etwa Diversität oder Nachhaltigkeit – werden immer wieder auch sehr polarisiert diskutiert. Wie ist Ihre Sicht darauf?
Riese// Es ist wichtig, sich nicht zu stark von kurzfristigen Trends treiben zu lassen. Meiner Meinung nach ist eine klare, konsistente Haltung hier elementar. Natürlich muss sich gerade bei neuen Themen diese Haltung erst entwickeln. Das gehört aber auch zur Aufgabe einer Führungskraft. Leider existieren bei den von Ihnen bespielhaft genannten Themen Phasen der Überbetonung, was dann eine gewisse Gegenbewegung auslöst. Aus meiner Sicht ist es eine zentrale Aufgabe von Führung, hier eine stabile Position in der Mitte zu finden, die auch über solche Zyklen hinweg Bestand hat, und durch den Nachrichtenschleier hindurchzusehen. Das gilt für Themen wie mobiles Arbeiten, gendersensible Sprache oder Nachhaltigkeit. Dabei ist Vielfalt zweifellos ein Erfolgsfaktor. Unterschiedliche Perspektiven erhöhen die Leistungsfähigkeit von Teams, wenn sie sinnvoll integriert werden. Es ist also wichtig, diese durchaus sensiblen Themen sachlich und ausgewogen zu betrachten – und als Führungskraft nicht selbst zur Verstärkung der Polarisierung beizutragen.
BI// Und welche Rolle spielt Optimismus in der Führung – gerade aktuell, wo wir mit vielen Unsicherheiten leben müssen?
Riese// Optimismus ist für mich eine zentrale Führungsaufgabe. Wer als Führungskraft permanent eine pessimistische Haltung ausstrahlt, wird kaum Motivation im Team erzeugen können. Gleichzeitig darf Optimismus aber nicht naiv sein. Es geht um einen informierten, reflektierten Optimismus – also um die Fähigkeit, Herausforderungen realistisch einzuordnen und trotzdem Zuversicht zu vermitteln. Führungskräfte haben eine enorme Multiplikatorenwirkung. Sie prägen nicht nur die Leistung ihrer Teams, sondern auch die Stimmung und Orientierung im Unternehmen. Umso wichtiger ist es, diese Verantwortung bewusst wahrzunehmen. Besonders gefährlich finde ich in diesem Zusammenhang den wachsenden Zynismus in unserer Gesellschaft. Er wirkt zerstörerisch auf Vertrauen und Engagement. Führung kann hier eine positive Rolle einnehmen, indem man sich klar davon abgrenzt und dies auch in konkreten Situationen kommuniziert. Wie immer eigentlich: Orientierung und Perspektive geben, das sollten Führungskräfte tun.
BI// Herr Riese, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Kernbotschaft 1
„Führung wird heutzutage stärker über Haltung, Orientierung und Kommunikation definiert.“ DZBank-Chef Dr. Cornelius Riese,
BankInformation 08/2026: