LebensWert-Treff der Evangelischen Bank mit Lammert, Göpel, Reuter, Südekum und Raffelhüschen
„Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist kein Selbstläufer“
Berlin/Kassel | 17.11.2025 | Evangelische Bank eG
Stimmen aus der hochkarätigen Veranstaltung vom 12. November 2025 in Berlin
© Sascha Mannel

Beim LebensWert-Treff der Evangelischen Bank (EB) diskutieren Norbert Lammert, Bernd Raffelhüschen, Maja Göpel, Katharina Reuter und Jens Südekum über Zusammenhalt in Zeiten von Demografie, Migration und Transformation.
Unter dem Leitthema „Quo vadis, Zusammenhalt? – Brücken bauen in Zeiten von Demografie, Migration und Transformation“ hatte die EB führende Köpfe aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammengebracht.  Gemeinsam mit rund 90 Entscheider:innen und Führungskräften aus Kirche, Gesundheits- und Sozialwirtschaft erörterten sie die Frage, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen gelingen kann – und welche Verantwortung Wirtschaft, Politik und jede:r Einzelne dabei trägt.

Demokratie braucht Regeln und Respekt: Prof. Dr. Norbert Lammert über die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenhalts

Zum Auftakt erinnerte Bundestagspräsident a.D. Prof. Dr. Norbert Lammert daran, dass Demokratie und Zusammenhalt nicht selbstverständlich seien: „Demokratische Systeme müssen Zusammenhalt immer wieder neu erarbeiten – und zwar unter den Bedingungen der Unterschiedlichkeit der Menschen“, erklärte er. Polarisierung im Meinungswettstreit sei insofern kein Zeichen gesellschaftlicher Spaltung, sondern Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Bedeutsam sei es allerdings, Konflikte stets nach vereinbarten Regeln auszutragen: „Die Stabilität eines demokratischen Systems steht und fällt mit der Bereitschaft, die Geltung der selbst gesetzten Regeln für wichtiger zu halten als die Durchsetzung eigener Ziele“, betonte Lammert.

Demografie als Belastungstest: Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen fordert Reformen jetzt

Mehr Weitsicht bei der politischen Entscheidungsfindung forderte der Freiburger Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen. In seiner Keynote zeigte er auf, wie der demografische Wandel und die Alterung der Gesellschaft enorme Belastungen für den Sozialstaat verursachen. Die kommenden zehn Jahre seien ein „entscheidendes Zeitfenster“, in dem die Politik gegensteuern müsse: „Wenn wir das Renteneintrittsalter nicht erhöhen oder das Rentenniveau nicht anpassen, dann wird es später zu spät sein“, warnte Raffelhüschen. Ohne Reformen, so seine Prognose, drohe Deutschland in ein System der Finanzierung „nach Kassenlage“ zu rutschen – mit schleichend sinkenden Leistungen insbesondere in der Pflege.

Transformation neu denken: Prof. Dr. Maja Göpel sieht Fortschritt nur im umfassenden Wandel

Einen deutlichen Perspektivwechsel forderte die Politökonomin und Transformationsforscherin Prof. Dr. Maja Göpel. Sie betonte, dass die anstehende sozial-ökologische Transformation weit mehr sei als eine technologische Modernisierung – sie verlange ein neues, gemeinsames Verständnis von Fortschritt. „Wir können nicht die Welt von morgen bauen, wenn wir gedanklich in der Logik von gestern verharren“, sagte Göpel. Entscheidend sei, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ökologische Verantwortung und gesellschaftliche Stabilität zusammenzudenken. Veränderung brauche Mut, Dialogbereitschaft und die Fähigkeit, gewohnte Annahmen zu hinterfragen. Nur so könne der Wandel nicht Spaltung, sondern Zukunftsfähigkeit erzeugen.

Purpose als Wettbewerbsfaktor: Prof. Dr. Katharina Reuter über die Kraft werteorientierter Wirtschaft

Wie eine werteorientierte Wirtschaft zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen kann, erläuterte Prof. Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft. Purpose sei kein weiches Zusatzthema, sondern ein Wettbewerbsfaktor, der Vertrauen, Resilienz und Innovationskraft stärke. „Unternehmen, die Haltung zeigen, binden Menschen – Kund:innen wie Mitarbeitende – weit stärker als reine Preis- oder Effizienzlogik es könnte“, so Reuter. Sie plädierte für klare Rahmenbedingungen, die nachhaltiges und sinnorientiertes Wirtschaften belohnen. Eine starke Purpose Economy könne zum verbindenden Element werden, das ökonomischen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet.

Wirtschaftspolitische Weichenstellungen:  Prof. Dr. Jens Südekum: Ohne Wachstum kein sozialer Spielraum

Der Düsseldorfer Ökonom Prof. Dr. Jens Südekum hob hervor, dass Deutschland vor einer Dekade entscheidender wirtschaftspolitischer Weichenstellungen steht. Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Sicherheit seien unerlässlich, um den Wohlstand kommender Generationen zu sichern. „Wachstum ist kein Selbstzweck – aber ohne Wachstum fehlt der finanzielle Raum, um sozialen Zusammenhalt zu stärken“, betonte Südekum. Er plädierte für einen strategischen Mix aus staatlichen Impulsen und privater Innovationskraft. Entscheidend sei eine Wirtschaftspolitik, die Dynamik entfessele, statt sie zu bremsen.

Arbeitsmigration als Schlüssel – aber mit Hürden: Podiumsdiskussion zu Potenzialen und Problemen

Eine Podiumsdiskussion widmete sich den Potenzialen und Herausforderungen von (Arbeits-) Migration. Die Diskussion zeigte, dass Arbeitsmigration für das Gesundheitswesen und andere Branchen unverzichtbar ist, aber durch Bürokratie und langwierige Anerkennungsverfahren massiv behindert wird. Während alle Teilnehmenden die Potenziale von Migration betonten, wurde deutlich, dass eine fehlende Willkommenskultur, Sprachbarrieren und föderale Flickenteppiche die Integration erschweren. Einigkeit bestand zudem darin, dass Arbeit Integration schafft – doch ohne Reformen drohen Versorgungslücken und gesellschaftliche Spannungen.

Zusammenhalt als Zukunftsaufgabe: EB-Vorstandsvorsitzender Thomas Katzenmayer zieht Fazit

„Unter dem Strich hat der diesjährige Lebenswert-Treff gezeigt: Zusammenhalt ist kein nostalgischer Wert, sondern eine reale Zukunftsaufgabe“, so Thomas Katzenmayer, Vorsitzender des Vorstands der EB. „Gelingen kann diese Aufgabe im Interessenausgleich zwischen Generationen, in Offenheit gegenüber Neuem und in der Bereitschaft, wirtschaftliche Stärke mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden. Zusammenhalt ist also kein Selbstläufer, sondern kann dort entstehen, wo wir einander zuhören und über Grenzen hinweg denken.“

Hochkarätiges Veranstaltungsprogramm

Nähere Informationen zur Agenda des diesjährigen LebensWert-Treffs sind hier https://www.eb.de/lebenswerttreff abrufbar.

 

© Sascha Mannel
Bundestagspräsident a.D. Prof. Dr. Norbert Lammert mahnte dazu, Konflikte stets nach vereinbarten Regeln auszutragen.
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Prof. Dr. Jens Südekum: „Wachstum ist kein Selbstzweck – aber ohne Wachstum fehlt der finanzielle Raum, um sozialen Zusammenhalt zu stärken.“
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Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen: „Wenn wir das Renteneintrittsalter nicht erhöhen oder das Rentenniveau nicht anpassen, dann wird es später zu spät sein."
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Prof. Dr. Maja Göpel: „Wir können nicht die Welt von morgen bauen, wenn wir gedanklich in der Logik von gestern verharren."
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Prof. Dr. Katharina Reuter: „Unternehmen, die Haltung zeigen, binden Menschen – Kund:innen wie Mitarbeitende – weit stärker als reine Preis- oder Effizienzlogik es könnte."
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