KI und Transformation

Leadership muss neu gedacht werden

Titelthema | 01.08.2026 | Jutta Rump und Silke Eilers

Die Finanzbranche steht unter einem erheblichen Transformationsdruck. Regulatorik, Wettbewerb, Kundenerwartungen, dazu die fortschreitende Digitalisierung und der vermehrte Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). Dadurch verändern sich die Art und Weise des Arbeitens und die Anforderungen an Beschäftigte. Aber insbesondere ändern sich die Aufgaben für Führungskräfte.

Standardisierte Tätigkeiten sind hoch substituierbar und analytische Aufgaben werden durch KI zunehmend unterstützt, während komplexe, beratungsintensive und verantwortungsbezogene Tätigkeiten menschlich geprägt bleiben. So geht eine aktuelle Analyse des IBE beispielsweise von einem Substitutionspotenzial von 50 bis 65 Prozent in der Marktfolge Passiv, 40 bis 50 Prozent im Rechnungswesen sowie 30 bis 45 Prozent im standardisierten Vertrieb, jedoch lediglich von 15 – 20 Prozent in der Firmenkundenbetreuung aus.

Zum Umgang mit diesen Herausforderungen reichen klassische Steuerungslogiken nicht mehr aus. Vielmehr wird Führung zum strategischen Stabilitätsfaktor, um Anpassungsfähigkeit, Lernbereitschaft und Resilienz gezielt fördern zu können. Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass die Transformation von unterschiedlichen Beschäftigtengruppen sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Während technologieaffine und hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter KI häufig als Effizienz- und Unterstützungssystem betrachten, verbinden andere Beschäftigtengruppen damit Unsicherheit, Kontrollverlust oder Sorgen um die eigene Beschäftigungsfähigkeit. Studien – etwa das „2026 Edelman Trust Barometer“ – zeigen, dass insbesondere Mitarbeiter mit geringerem Einfluss auf organisationale Entscheidungen sowie Beschäftigte in stärker standardisierten Tätigkeitsfeldern höhere Zukunftsängste entwickeln.

Damit wird Vertrauen zu einem zentralen Führungsfaktor in Transformationsprozessen. Führungskräfte müssen nicht nur technologische Veränderungen steuern, sondern Orientierung geben, Unsicherheiten adressieren und Akzeptanz für neue Formen der Zusammenarbeit schaffen.

Erfolgskritische Kompetenzen der Zukunft

In der digitalen Transformation gehört es keineswegs zu den Aufgaben von Führungskräften, selbst programmieren zu können. Sie müssen jedoch in der Lage sein, technologische Entwicklungen zu verstehen, um den Einsatz von KI strategisch einordnen zu können. Entscheidend ist dabei eine technologische Urteilskraft. Führungskräfte müssen beurteilen können, welche Aufgaben automatisiert werden können, wo menschliche Urteilskraft unverzichtbar bleibt und wie Verantwortung zwischen Mensch und System verteilt wird.

Gerade im hochregulierten Bankenumfeld kann diese Verantwortung, die Balance zwischen digitalen Systemen und menschlicher Wertschöpfung zu halten und dabei auch ethische Fragen zu reflektieren, nicht delegiert werden. So kann KI Arbeitsschritte im Kontext von Standardisierung, Voranalyse, Strukturierung und Dokumentation übernehmen, während es weiterhin zu den zentralen menschlichen Aufgaben gehört, Beziehungen aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen, Daten zu interpretieren und Risiken zu bewerten.

Denn werden Analyse-, Reflexions- und Bewertungsleistungen dauerhaft an technische Systeme delegiert, besteht die Gefahr eines schleichenden Verlusts menschlicher Urteils- und Entscheidungskompetenz. Führungskräfte müssen deshalb sicherstellen, dass technologische Unterstützung nicht zur Entwöhnung von kritischem Denken führt.

Der erfolgreiche Einsatz künstlicher Intelligenz hängt dabei wesentlich von der Akzeptanz der Beschäftigten ab. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass unterstützende Führung, kontinuierliche Weiterbildung sowie ein positives Innovationsklima entscheidend dafür sind, ob KI als Bedrohung oder als hilfreiche Unterstützung wahrgenommen wird.

Führungskräfte übernehmen damit eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der Mensch-KI-Interaktion. Es reicht nicht aus, technologische Systeme bereitzustellen. Vielmehr müssen Mitarbeiter befähigt werden, deren Nutzen zu verstehen, Vertrauen in deren Anwendung zu entwickeln und neue Kompetenzen aufzubauen. Eine offene Kommunikationskultur, psychologische Sicherheit sowie transparente Lern- und Entwicklungsangebote werden dadurch zu zentralen Erfolgsfaktoren nachhaltiger Transformation.

Gleichzeitig stehen Führungskräfte vor der Herausforderung, die Effizienzpotenziale digitaler Technologien zu nutzen, ohne Motivation, Gesundheit und langfristige Leistungsfähigkeit zu gefährden. Digitalisierung beschleunigt Prozesse, verdichtet Arbeit und erhöht die Erwartung an die Reaktionsgeschwindigkeit.

Führung wird dadurch zunehmend zu einer Gestaltungsaufgabe, die Prioritäten setzt, Grenzen definiert und bewusst Räume für Reflexion, Lernen und Regeneration schafft. In diesem Zusammenhang werden Resilienz und emotionale Stabilität im Veränderungsmanagement zu essenziellen Führungsdimensionen.

Umbrüche und Veränderungen erzeugen Ängste und Widerstände. Teams benötigen in der Folge psychologische Sicherheit, soziale Orientierung und Verlässlichkeit, aber auch eine starke Kommunikationskompetenz. Mitarbeitende erwarten von Führungskräften insbesondere transparente Kommunikation, Wertschätzung, Unterstützung und die ernsthafte Berücksichtigung ihrer Perspektiven. Führung wird damit zunehmend zur Beziehungs- und Kommunikationsarbeit.

Gleichzeitig gewinnen neue Formen des organisationalen Lernens an Bedeutung. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang eine starke Lernorientierung, die eine kontinuierliche Kompetenzentwicklung fördert und fordert, Up- und Re-Skilling strategisch verankert und eine Lernkultur etabliert, sodass sich Mitarbeiter in neue Rollen entwickeln können. Ziel ist dabei nicht allein die Vermittlung neuer Kompetenzen, sondern die langfristige Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit in einer Arbeitswelt, deren Anforderungen sich durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz kontinuierlich verändern.

In Bereichen, in denen De-Skilling droht, also der Verlust oder die Entwertung von Fähigkeiten durch den Einsatz neuer Technologien und Veränderungen in Arbeitsprozessen, besteht die zentrale Aufgabe darin, den betroffenen Personen neue Perspektiven aufzuzeigen. Somit wird deutlich, dass Führungskräfte stärker als bisher als Entwicklungsbegleiter agieren müssen. Die Rolle von Führung verschiebt sich damit von der klassischen Steuerung hin zur Befähigung von Mitarbeitern. Coaching, Kompetenzentwicklung und Empowerment werden zu zentralen Führungsaufgaben.

Was das organisatorisch für Banken bedeutet

Es wird deutlich, dass Technologie allein nicht ausreicht, um den Herausforderungen der Transformation gerecht zu werden. Vielmehr ist entscheidend, wie schnell Banken lernen, wie flexibel Teams arbeiten und wie Veränderung kulturell getragen wird. Dazu gehört auch, dass neue Organisationsformen an Bedeutung gewinnen. Adaptive Teams, mehr bereichsübergreifende Zusammenarbeit und ein hohes Maß an Transparenz führen nicht zuletzt zu schnelleren Entscheidungswegen und einer höheren Effizienz.

Schlagworte in diesem Zusammenhang sind kundenorientierte Entscheidungsprozesse, iterative Produktentwicklung und eine schnellere Reaktion auf Kundenanforderungen. Insgesamt wird die Organisation hybrider, insbesondere durch ein kluges Zusammenspiel von KI und dem Faktor Mensch.

Eine Führung, die diese Dimensionen unterstützt, wird damit zum strategischen Erfolgsfaktor. Um dies in die Praxis umzusetzen, müssen Banken zukünftige Kompetenzbedarfe systematisch identifizieren und die Personalentwicklung eng mit der Unternehmensstrategie verzahnen, um die Mitarbeiter aktiv zu begleiten, eine Lernarchitektur zu etablieren und Kompetenzlücken frühzeitig zu erkennen.

Die HR-Funktion wird dabei zum zentralen Partner für Führungskräfte und entwickelt sich zum strategischen Transformationsgestalter. Zudem gewinnen Innovationsansätze unter Beteiligung von Beschäftigten an Bedeutung, denn diese verfügen häufig über ein hohes Maß an Praxiswissen sowie detaillierte Kenntnisse operativer Prozesse und Kundenbedürfnisse.

Arbeitgeber, die Mitarbeiter aktiv in Innovations- und Veränderungsprozesse einbeziehen, fördern nicht nur die kontinuierliche Verbesserung und die Eigenverantwortung, sondern stärken zugleich die Identifikation und Veränderungsbereitschaft ihrer Belegschaft. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine offene Kommunikations- und Beteiligungskultur, in der Beiträge sichtbar anerkannt und Transformationsprozesse transparent gemacht werden.

Kulturelle Aufgaben werden wichtiger

Die Zukunft der Banken entscheidet sich nicht allein an der Qualität ihrer Technologien, sondern an der Fähigkeit, technologische Innovation mit menschlicher Führung, Vertrauen und organisationaler Lernfähigkeit zu verbinden. Künstliche Intelligenz kann Prozesse beschleunigen, Routinetätigkeiten reduzieren und analytische Arbeit unterstützen. Verantwortung, Urteilskraft, Vertrauen und Beziehungsgestaltung bleiben jedoch zentrale menschliche Kompetenzen.

Leadership entwickelt sich damit zunehmend zur Schlüsselressource organisationaler Resilienz. Führungskräfte müssen Orientierung geben, Veränderungsfähigkeit fördern, psychologische Sicherheit schaffen und Mitarbeiter aktiv durch Transformationsprozesse begleiten.

Führung in der digitalen Transformation beschränkt sich damit nicht nur auf technologische und organisatorische Aspekte, sondern umfasst zunehmend auch kulturelle Führungsaufgaben. Je digitaler Banken werden, desto wichtiger werden Führungspersönlichkeiten, die technologische Potenziale mit menschlicher Integrationsfähigkeit verbinden können.

Im Überblick

  • KI verändert Aufgabenprofile in Banken
     Routinetätigkeiten werden zunehmend automatisiert, während menschliche Stärken wie Urteilsvermögen, Verantwortung und Beziehungsmanagement an Bedeutung gewinnen.
  • Vertrauen wird der entscheidende Führungsfaktor
    Führungskräfte müssen in der Transformation Orientierung geben, Unsicherheiten abbauen und Akzeptanz für neue Technologien schaffen.
  • Die Rolle von Führung verändert sich
    Statt Kontrolle stehen Befähigung, Coaching, Kompetenzentwicklung und die Begleitung von Veränderungsprozessen im Vordergrund.
  • Lernen wird zur Kernaufgabe
    Up- und Re-Skilling sowie eine offene Lernkultur sind unverzichtbar, um Beschäftigungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit langfristig zu sichern.
  • Eine erfolgreiche Transformation hängt vom Menschen ab
    Technologie allein reicht nicht aus, um das Unternehmen erfolgreich zu transformieren. Entscheidend sind vielmehr Führung, Vertrauen, Beteiligung und eine leistungsfähige Veränderungskultur.

BankInformation  08/2026:
Führung – Richtungsgeber im Wandel

BI 08/2026 | Titelthema: Leadership muss neu gedacht werden
BI 08/2026 | Titelthema: Kein Personalthema, sondern eine Führungsfrage
BI 08/2026Inhaltsverzeichnis 
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Führungskräfte müssen die Effizienzpotenziale digitaler Technologien nutzen, ohne Motivation, Gesundheit und langfristige Leistungsfähigkeit ihres Teams zu gefährden
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Jutta Rump

Professorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und Direktorin beim Institut für Beschäftigung und Employability (IBE)

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Silke Eilers

Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Beschäftigung und Employability (IBE)



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